Kapitel 1 — Sechs Krisen in sechs Jahren: Eine Bestandsaufnahme

Wer zwischen 2020 und 2026 Einkaufsverantwortung im industriellen Mittelstand getragen hat, hat in kürzester Zeit mehr Krisenmanagement betrieben als viele Vorgängergenerationen in ihrer gesamten Laufbahn.

2020: COVID-19 und der globale Produktionsstillstand. Innerhalb von Wochen brachen Lieferketten zusammen, die jahrzehntelang reibungslos funktioniert hatten. Fabriken in China standen still, Seefrachtraten explodierten, Lagerbestände schmolzen. Unternehmen, die ausschließlich auf Single-Sourcing aus Fernost gesetzt hatten, standen vor leeren Regalen.

2021: Der Chipmangel. Was als Engpass in der Automobilindustrie begann, zog sich durch alle Branchen, die elektronische Bauteile verarbeiten. Lieferzeiten für bestimmte Halbleiter stiegen auf 52 Wochen und mehr. Unternehmen, die keine Transparenz über ihre Tier-2- und Tier-3-Lieferanten hatten, merkten erst mit Monaten Verzögerung, wo das eigentliche Problem saß.

2021: Suezkanal-Blockade. Sechs Tage Blockade durch die Ever Given – und der Schaden war noch Monate später spürbar. Rund 12 % des globalen Handels laufen durch den Suezkanal. Die Blockade zeigte, wie wenig Puffer in modernen Just-in-Time-Lieferketten steckt.

2022: Energiekrise und Ukraine-Krieg. Energiepreise, die sich innerhalb von Monaten vervielfachten. Rohstoffverfügbarkeiten, die von einem Tag auf den anderen wegbrachen. Unternehmen mit hohem Energieeinsatz mussten Produktionspläne in Echtzeit umschreiben.

2023–2025: Geopolitische Fragmentierung. Reshoring-Debatten, US-China-Spannungen, neue Zölle, Lieferkettensorgfaltspflichtengesetz. Die Globalisierung, die drei Jahrzehnte lang Kostensenkung durch geografische Arbitrage ermöglicht hatte, wurde politisch neu verhandelt.

2026: Iran-Krieg und die Blockade der Straße von Hormus. Nach den Militärschlägen Israels und der USA gegen iranische Ziele am 28. Februar 2026 reagierte Teheran mit Raketen- und Drohnenangriffen auf Ziele in mehreren Nachbarländern. Die Straße von Hormus – zentrales Nadelöhr für Energie- und Containerverkehre – wurde faktisch blockiert, die Drehkreuze Dubai, Doha und Abu Dhabi weitgehend gelähmt. Reedereien wichen auf den saudi-arabischen Hafen Dschidda aus und schleusten Güter per Lkw-Konvoi durch die Wüste weiter. Der Ölpreis schoss zeitweise auf rund 120 US-Dollar pro Barrel. Das Institut der deutschen Wirtschaft bezifferte das Risiko eines anhaltenden Ölpreises von 100 US-Dollar auf rund 40 Mrd. € direkten Wirtschaftsleistungsverlust für Deutschland über zwei Jahre. Erst im Sommer 2026 begannen sich Ölpreis und Schiffsverkehr durch die Straße von Hormus im Zuge diplomatischer Fortschritte langsam zu erholen.

Das Ergebnis: Einkaufsleiter, die 2019 noch für ihre Effizienz gelobt wurden, wurden 2021 für ihre Fragilität kritisiert. Oft zu Unrecht – denn sie hatten genau das optimiert, was von ihnen verlangt worden war.

Kapitel 2 — Das Effizienz-Resilienz-Dilemma

Jede Lieferkette bewegt sich zwischen zwei Polen: maximale Kosteneffizienz und maximale Widerstandsfähigkeit. Beide gleichzeitig zu maximieren ist nicht möglich. Ein zusätzlicher Lieferant kostet Verhandlungsaufwand und verzichtet auf Skaleneffekte. Ein Sicherheitsbestand bindet Kapital.

Genau diese Logik hat drei Jahrzehnte lang funktioniert – bis sie es nicht mehr tat. Der Fachbegriff, der sich seit 2026 branchenweit durchsetzt, bringt den Wandel auf den Punkt: "Just-in-Case" statt "Just-in-Time". Nicht als Abkehr von Effizienz, sondern als Neugewichtung. Unternehmen investieren zunehmend in alternative Transport- und Beschaffungsrouten, Redundanzen für kritische Materialien und regional diversifizierte Lieferantenportfolios – nicht um pauschal teurer zu produzieren, sondern um dort gezielt Puffer aufzubauen, wo Ausfälle den größten Schaden anrichten würden.

Die zentrale Erkenntnis: Effizienz und Resilienz sind kein Widerspruch, wenn man aufhört, sie für die gesamte Lieferkette einheitlich zu optimieren. Die richtige Frage ist nicht "Effizienz oder Resilienz?", sondern "Wo genau brauche ich welchen der beiden Werte?"

Kapitel 3 — Die 6 zentralen Lektionen

Lektion 1: Single-Sourcing ist ein stilles Risiko, keine Kostenoptimierung. COVID-19 hat gezeigt: Ein Lieferant, der 100 % eines kritischen Bauteils liefert, ist kein Verhandlungserfolg, sondern eine tickende Uhr. Die niedrigeren Einkaufspreise eines Single-Source-Vertrags rechtfertigen selten das Ausfallrisiko, das damit eingegangen wird.

Lektion 2: Tier-2- und Tier-3-Transparenz entscheidet über Reaktionsgeschwindigkeit. Der Chipmangel 2021 hat schonungslos offengelegt, dass die meisten Unternehmen zwar ihre direkten Lieferanten kennen, aber nicht deren Zulieferer. Wer nicht weiß, woher sein Lieferant seine Vorprodukte bezieht, kann ein Risiko nicht kommen sehen, bevor es da ist.

Lektion 3: Geografische Konzentration schlägt jederzeit zurück. Die Suezkanal-Blockade brauchte kein Erdbeben, keinen Krieg, keine Pandemie – ein einzelnes havariertes Schiff genügte, um rund 12 % des globalen Handels für Tage lahmzulegen. Der Iran-Krieg 2026 hat gezeigt, dass dasselbe Muster sich wiederholt, sobald ein zweites globales Nadelöhr betroffen ist. Die Weltwirtschaft hat innerhalb von fünf Jahren gleich zwei solcher Nadelöhre gleichzeitig verwundbar erlebt.

Lektion 4: Energieabhängigkeit ist ein Lieferkettenrisiko, keine reine Kostenfrage. Die Energiekrise 2022 hat gezeigt, dass Energieversorgung selbst Teil der Lieferkette ist. Der Iran-Krieg 2026 hat dieselbe Lektion wiederholt, diesmal über den Ölpreis: Zwei Energiekrisen in vier Jahren, ausgelöst durch zwei völlig unabhängige geopolitische Ereignisse, sind kein Zufall mehr, sondern ein Muster.

Lektion 5: Geopolitik ist ein Dauerzustand, keine Ausnahmesituation. Allein beim deutschen Lieferkettengesetz hat sich der regulatorische Rahmen innerhalb weniger Monate mehrfach verschoben. Diese Volatilität selbst ist die Lektion: Wer Resilienz nur als Reaktion auf die aktuelle Rechtslage plant, plant für einen Zustand, der sich bis zur Umsetzung bereits wieder geändert haben kann.

Lektion 6: Lieferantenbeziehungen schlagen reine Technologie. Das aktuelle SupplyX-Barometer 2026 (150 befragte Logistikverantwortliche in Deutschland) kommt zu einem überraschenden Ergebnis: Die Stabilität von Lieferantenbeziehungen wird als wichtigster Baustein widerstandsfähiger Lieferketten angesehen – noch vor rein technologischen Maßnahmen.

Kapitel 4 — Sofortmaßnahmen für den Mittelstand

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Aus der Praxis: In mehreren Unternehmen, die ich in dieser Zeit begleitet habe, war die entscheidende Weichenstellung nicht die Technologie, sondern die Bereitschaft, Konzentrationsrisiken überhaupt erst sichtbar zu machen. Wer nicht weiß, wo seine Lieferkette fragil ist, kann sie nicht stärken.

Kapitel 5 — Technologie als Resilienz-Hebel

Technologie ist laut SupplyX-Barometer nicht der wichtigste, aber ein wesentlicher Resilienz-Faktor – vorausgesetzt, sie wird richtig eingesetzt.

Agentische KI in Planung und Sourcing. KI-Agenten übernehmen zunehmend operative und strategische Entscheidungsprozesse, automatisieren Sourcing-Schritte und werten Daten in Echtzeit aus – von Marktindizes über Zölle bis zu Energiepreisen. Das verkürzt die Reaktionszeit auf Störungen erheblich, ersetzt aber nicht die Grundlage stabiler Lieferantenbeziehungen.

Kontinuierliche Szenariosimulation. Präzise Szenarioanalysen ermöglichen proaktive statt reaktive Steuerung – der Unterschied zwischen "wir merken die Störung, wenn sie da ist" und "wir haben die Wahrscheinlichkeit dieser Störung bereits eingepreist".

Digitale Zusammenarbeit statt reiner Automatisierung. Die digitale Zusammenarbeit mit Kunden und Partnern wird häufiger als Erfolgsfaktor genannt als klassische Automatisierung allein. Technologie, die Zusammenarbeit und Transparenz zwischen Unternehmen und ihren Lieferanten verbessert, wirkt stärker auf die Resilienz als Technologie, die nur interne Prozesse beschleunigt.

Kapitel 6 — Organisation und Führung

Resilienz ist am Ende keine Frage der Technologie, sondern der organisatorischen Verankerung.

Resilienz braucht eine explizite Führungsentscheidung. Wenn Risikoanalyse und Lieferantendiversifizierung nicht priorisiert und mit Ressourcen hinterlegt werden, bleiben sie Absichtserklärungen, die beim nächsten Kostendruck als Erste gestrichen werden.

Cross-funktionale Verantwortung statt Einkaufs-Silodenken. Energieabhängigkeit, geopolitisches Risiko und regulatorische Anforderungen betreffen nicht nur den Einkauf, sondern Produktion, Finanzen und Recht gleichermaßen. Unternehmen, die Resilienz ausschließlich als Einkaufsthema behandeln, übersehen systematisch die Wechselwirkungen, die in Krisensituationen den eigentlichen Unterschied machen.

Kontinuität in der Umsetzung. Die sechs Lektionen aus Kapitel 3 sind seit Jahren bekannt – die eigentliche Herausforderung liegt darin, die daraus abgeleiteten Maßnahmen auch in wirtschaftlich ruhigeren Phasen weiterzuverfolgen. Resilienz, die nur in der Krise Priorität hat, ist keine Resilienz, sondern Krisenmanagement im Wiederholungsmodus.

Kapitel 7 — Fazit und Ausblick

Sechs Jahre Ausnahmezustand haben eine einfache, aber unbequeme Erkenntnis gebracht: Die Lieferketten, die am besten durch die Krisen 2020 bis 2026 gekommen sind, waren nicht die effizientesten, sondern die am bewusstesten diversifizierten.

Dass sich mit dem Iran-Krieg 2026 noch während der Fertigstellung dieses Berichts eine weitere, aus Suezkanal-Zeiten bereits bekannte Lektion wiederholt hat, ist dabei selbst der stärkste Beleg für die zentrale These: Es gibt keine Rückkehr zu einem stabilen Normalzustand, auf den man warten könnte.

Der Blick nach vorn zeigt: Geopolitische und regulatorische Volatilität wird nicht abnehmen. Unternehmen, die Resilienz als kontinuierliche organisatorische Aufgabe statt als einmaliges Krisenprojekt verstehen, sind für die nächste, unvermeidliche Störung besser vorbereitet als jene, die auf die Rückkehr zur reinen Effizienzlogik der 2010er-Jahre hoffen.


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